Mittagsbetreuung an Grund- und Förderschulen - Ende der Familienfreundlichkeit?

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kiechle,

schon mit Schreiben vom 24.04.2015 habe ich mich an Sie gewandt und um eine an den Bedürfnissen der Eltern orientierte Anmeldepraxis für die Mittagsbetreuung an den Grund- und Förderschulen sowie um Ihren Einsatz für familienfreundlichere Vorgaben durch die Bayerische Staatsregierung gebeten.

Zum wiederholten Male verschärft die Bayerische Staatsregierung nun für das Schuljahr 2017/2018 die Förderbedingungen für die Mittagsbetreuung an Grund- und Förderschulen und zwingt damit die Träger, weltfremde Forderungen an die Eltern zu stellen.
Das Ganze ist nur so zu erklären, dass dadurch möglichst viele Kinder in die Ganztagsschule gedrängt werden sollen.

Schon in den letzten Jahren wurden die Eltern sukzessive gezwungen, bereits vor Pfingsten verbindlich festzulegen, an welchen Tagen und wie lange ihre Kinder im nächsten Schuljahr in die Mittagsbetreuung sollen.

In Zeiten zunehmender Flexibilisierung der Arbeitszeiten trifft das nicht die heutige Lebenswirklichkeit. Natürlich kennen gerade die Eltern, die auf die  Mittagsbetreuung angewiesen sind, im Mai noch nicht ihre Dienst-, Schicht- oder Einsatzpläne für den Herbst, geschweige denn für das Jahr 2018. Genau darauf aber kommt es beim Bedarf für Mittagsbetreuung an, zumal für Alleinerziehende oder wenn beide Elternteile berufstätig sind.

Vor allem aber: Die Eltern wissen erst Mitte September, wann ihre Kinder Schulschluss und Nachmittagsunterricht haben, aber sollen heute schon wissen, wann infolge dessen eine Mittagsbetreuung nötig ist. Das hört sich wie ein Schildbürgerstreich an.

Auch die Stundenpläne von Geschwisterkindern an anderen Schulen, die Stunden an Musikschulen und Sportvereinen, die Fahrzeiten von Schulbussen und die Verfügbarkeit von Großeltern und Nachbarschaftshilfe sind in vielen Familien für den Betreuungsbedarf mitentscheidend -  aber nicht vor Beginn des Schuljahres absehbar.

Viele Eltern müssen daher inzwischen ins Blaue für die ganze Woche Mittagsbetreuung buchen und bezahlen, die sie am Ende gar nicht brauchen.

Also ab in die Ganztagsschule.....?

Zum kommenden Schuljahr 2017/2018 setzt das Kultusministerium dieser familienfeindlichen Praxis aber noch die Krone auf (vgl. beigefügtes Schreiben an die Schulen und die Schulämter):

Ab dem kommenden Schuljahr dürfen die Eltern ihre Kinder nicht mehr vor 14.00 Uhr aus der Mittagsbetreuung abholen, sonst wird der Betreuungsplatz nicht mehr gefördert.

Das widerspricht völlig der Lebenswirklichkeit der meisten Eltern: Die Kinder haben in der Grundschule oft so früh Schulschluss, dass selbst Eltern mit traditionellen Arbeitszeiten die Kinder nicht direkt nach Unterrichtsschluss abholen können. Diese Eltern zahlen bis 14.00 Uhr, möchten aber natürlich ihre Kinder sobald wie möglich mit nach Hause nehmen. Schließlich wird die reguläre Mittagsbetreuung bis 14.00 Uhr meist auch ohne Mittagsessen gebucht.




 

Dürfen die Kinder erst um 14.00 Uhr abgeholt werden, können sie nicht im Kreis der Familie Mittag essen und die Eltern sind quasi gezwungen, auch das Mittagessen in der Schule zu buchen. Das führt zu unsinnigen Situationen in den Familien: Ältere Kinder aus den weiterführenden Schulen kommen früher heim als Grundschüler und essen zuhause, während der Erstklässler in der Schule isst und später mit den Hausaufgaben fertig wird als das Oberstufenkind. Das kann nicht im Sinne vernünftiger Familien- und Bildungspolitik sein. Zudem überfordert die unsinnige Essensbuchung insbesondere Alleinerziehende und Familien mit geringerem Einkommen auch finanziell.

Noch abstruser wird es für Eltern, die selbst z.B. bis 14.00 Uhr arbeiten müssen und daher bisher schon die Mittagsbetreuung ärgerlicherweise bis 16.00 Uhr buchen und bezahlen mussten. Diese Eltern dürfen ihre Kinder ab dem nächsten Schuljahr erst um 16.00 Uhr in der Mittagsbetreuung abholen, in der es  wohlgemerkt in der Regel keine echte Hausaufgabenbetreuung gibt.

Erneut eine Maßnahme, die Kinder ohne Not in die Ganztagsschule treiben soll!

Selbstverständlich haben wir Verständnis dafür, dass ein ungefährer Überblick über den Bedarf an Mittagsbetreuung frühzeitig nötig ist, um Personaleinsatz und Finanzierung zu planen. Das darf aber nicht zu nahezu jährlichen Rückschritten bei der Mittagsbetreuung führen. Die Schulen selbst mit ihren vielen engagierten Mittagsbetreuer/-innen wären zu einer viel flexibleren Handhabung in der Lage und bereit!

Wir, die politischen Entscheidungsträger der Stadt Kempten haben uns Kinder-und Familienfreundlichkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie alsvorrangige Handlungsfelder unserer strategischen Ziele gewählt. Aber Familienfreundlichkeit sieht anders aus!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wir  fordern Sie daher auf,  dafür Sorge zu tragen, dass die Stadtverwaltung möglichst familienfreundliche und pragmatische Lösungen bei der Mittagsbetreuung verfolgt. Vor allem aber fordern wir Sie auf, sich direkt und über die zuständigen Gremien des Bayerischen Städtetages bei der Bayerischen Staatsregierungdafür einzusetzen, dass die widersinnige Vorgabe des Bayerischen Kultusministeriums ersatzlos gestrichen wird, dass Schüler die Mittagsbetreuung nicht regelmäßig vor 14.00 Uhr bzw. 16.00 Uhr verlassen oder gebuchte Tage auslassen dürfen und deren Betreuungsplätze andernfalls nicht vom Freistaat gefördert werden.

Wir halten es für unerlässlich, auf diese Weise auf die Staatsregierung Einfluss zu nehmen, damit der Freistaat Bayern seiner Verantwortung gegenüber den Familien gerecht wird und dessen Bekenntnis zur Familienfreundlichkeit kein bloßes Lippenbekenntnis ist.

Mit freundlichen Grüßen

Für die Fraktion der Freien Wähler-ÜP

Alexander Hold